Geschichten, die das Leben schreibt

Es ist Samstag früh am morgen. Mein Mann und ich haben einen Schwimmteich für die Hunde geplant. Der Grund ist ausgehoben und die Folie verlegt. Wir befinden uns in Phase zwei unseres Projekts und möchten die Technik installieren. Er hatte wohlwissend, dass er einen 3 Zoll Schlauch nicht ohne technische Hilfsmittel mit einem 1,5 Zoll Anschluss verbinden kann, gestern bei einer Firma einige Überbrückungen bestellt. Die freundliche Firma nahm unsere Bestellungen auf und gab die Ware zum versenden an ein Transportunternehmen. Für einen Transportkostenaufschlag von 18 €, einem Drittel des eigentlichen Warenwertes, sollten wir die Ware per Expressversand am nächsten Morgen erhalten. Wir bekamen eine Trackingnummer, anhand derer wir den Verlauf unseres Paketes verfolgen konnten.

Guter Dinge machten wir uns an die Arbeit, bis unsere Hunde auf eine Unstimmigkeit am Eingangstor reagierten und uns lautstark darauf aufmerksam machten. Ich rannte ums Haus herum nach vorne und sah einen allseits lädierten dunkelblauen VW Kombi mit SB Kennzeichen. Als ich mich auf das Tor zubewegte, setzte er langsam zurück. Ich brachte die Hunde ins Haus, damit sie nicht verloren gehen, öffnete das Tor und winkte den PKW herein. Daraufhin fuhr er langsam in den Hof und blieb stehen. Ich bat ihn das Fenster herunter zu kurbeln, weil das die Kommunikation ungemein vereinfachen kann. Danach sah ich einen etwa 25 jährigen jungen Mann mit lässiger Kleidung. Der Innenraum des Kombis sah vermüllt aus, am Rückspiegel hing ein Würger. Ein Hundehalsband aus metallenen Kettengliedern, die in Metallspitzen enden. Der Hund kann es mit den Spitzen nach innen tragen, was schlecht für den Hund ist oder mit den Spitzen nach außen, was schlecht für die anderen Hunde ist. Ich betrachte den jungen Mann nicht vorurteilsfrei und frage ihn , wie ich ihm weiterhelfen könne. Er lässt mich wissen, dass er die Jugendherberge sucht. Jugendherberge und Reiterhof sind um die Ecke und als ich zu einer Wegbeschreibung ansetze beginnt er das Haus in dem wir leben genauer zu betrachten. Es sei ein schönes Haus, dass er hier noch nie gesehen habe. Ich denke in mich hinein, dass er es schnell wieder vergessen sollte, als mein Mann kommt, ihm den Weg erklärt und wieder nach draußen begleitet. Wir konzentrieren uns erneut auf den Teich und vergessen die Zeit. Um 14 Uhr sind wir uns sicher, dass der Expressservice nicht mehr kommen wird denn er hatte sich zwischen 8 und 12 Uhr angekündigt.

Am Montagmorgen schickt mein Mann mir den Trackingcode, dem ich entnehme, dass unser Paket am Samstag 11,40 Uhr nicht ausgeliefert werden konnte, weil der Empfänger nicht angetroffen wurde. Ich bin überrascht und versuche herauszufinden, wo sich unser Paket befindet. Ich investiere zwei Stunden um nichts über den Verbleib zu erfahren. Die Hotline des Transportunternehmens erklärt mir per Bandaufnahme, dass das Paket keinen Empfänger fand. Ein privater Franchisenehmer des Transportunternehmens in der Nähe lässt mich wissen, dass ich bei ihm völlig falsch sei, die Hotline mich aber auskunftsfreudig und kenntnisreich weiterbringen wird. Meine halbstündigen Klicks auf die Trackingnummer bringen mich nicht weiter, die Aussage: „Paket konnte nicht zugestellt werden!“ bleibt unumstößlich. Ich schreibe dem Transportunternehmen über das angebotene Kontaktformular, dass ich den Verlust unseres Paketes betrauere und sachkundige Hilfe benötige. Gegen Nachmittag bekomme ich tatsächlich eine Antwort auf meine Kontaktaufnahme, mit der Auskunft, dass ich mich an die Firma wenden muss, die die Ware versandt hat. Ich erkenne nun leicht panisch, dass ich meinen Hang zu neurotischem Verhalten längst nicht abgelegt habe und beginne auf meinem Stuhl vor und zurück zu wippen. Ich folge der Empfehlung des Transportunternehmens und rufe die Firma an, bei der wir die Ware bestellt haben. Ich beantworte die Frage der freundlichen Sachbearbeiterin, ob wir denn wirklich alle beide zuhause gewesen seien, wahrheitsgemäß mit ja und frage mich gleichzeitig, warum alle beide? Scheinbar sieht sie mich nicht in der Lage ein Paket in Empfang zu nehmen. Sie informiert mich darüber, dass hier Aussage gegen Aussage stehen könnte. Sie fragt mich, ob denn unser Briefkasten ausreichend gekennzeichnet sei und ich erkläre ihr, dass mein Praxisschild genau darunter hänge. Diese Information reicht ihr nicht, sie gibt zu bedenken, dass wir ein Privatgeschäft getätigt haben und so müsse eben aus der Briefkastenaufschrift erkennbar sein, dass der Auftraggeber hier wohnhaft ist. Ich denke an den unfreundlichen Mitmenschen, der uns jahrelang das Schild mit der Aufschrift Familie Decker vom Briefkasten riss, bis ich es aufgab, ein neues anzubringen. Sie erwähnt, dass das Transportunternehmen im Falle von Expresslieferungen einen Kurier schickt und ich denke an den Fahrer des VW Kombi mit dem Würger am Rückspiegel. Sie sichert mir zu sich mit dem Transportunternehmen zu besprechen und das weitere Vorgehen zu planen. Ich gehe duschen. Während ich dusche ruft sie mich noch zweimal vergeblich an, denn ich kann sie nicht hören. Sie erreicht meinen Mann um ihm mitzuteilen, dass das Transportunternehmen es morgen noch einmal versucht. Es scheint unerheblich, ob morgen irgendjemand Zuhause ist, niemand kann mir sagen wann sie kommen und so sage ich meine ersten beiden Außentermine aus familiären Gründen ab, das klingt einfach glaubwürdiger als auf ein Transportunternehmen zu warten. Eigentlich wollte ich morgen noch den Wocheneinkauf regeln, Hundefutter, Essen für uns u.s.w. aber das verschiebe ich in Gedanken. Ich kann das Hundefutter strecken wenn ich ein paar Kartöffelchen untermische, wird schon.

Dienstagmorgen beschließe ich, mich nicht weiter als Opfer der Willkür eines Transportunternehmens zu fühlen und überlasse nichts mehr dem Zufall. Ich öffne das Tor und laufe strammen Schrittes die 800 Meter bis zu unserem Briefkasten herunter. Links und rechts vom Weg sehe ich die Spuren, die die Wildschweine seit Monaten in die Wiese fräsen, es sieht chaotisch aus. Sollte mir jetzt eins begegnen, versuche ich einfach in die richtige Richtung zu laufen. Unten angekommen beklebe ich den Briefkasten mit der Aufschrift Chris und Marion Decker, um jeden Zweifel unserer Zusammengehörigkeit zu zerstreuen. Ich befestige noch einen Anfahrtsplan für das Transportunternehmen und der Briefkasten ist jetzt so präpariert, dass er wirklich nicht mehr als solcher zu erkennen ist. Wieder oben am Tor angekommen, versäume ich nicht einen Zettel mit der Aufschrift, bitte hupen anzubringen. Ich gehe gelöst ins Haus, wissentlich in der Lage zu sein, mein Leben selbst zu gestalten und siehe da 30 Minuten später hupt jemand und übergibt mir unser Express Paket.

Wir haben noch bei zwei weiteren Firmen Ware bestellt und obwohl mir bewusst ist, dass meine neuen Patienten mich ebenso finden, wie weitere andere Transportunternehmen, neue Postboten und Handwerker, lasse ich die Zettel einfach hängen, für immer.

Frollein Rottenmeier

Spielchen

Wer kennt sie nicht, unsere Mitmenschen, die nicht gerade heraus ansprechen, wie es um ihre Bedürfnisse steht. Die sich nicht trauen, weil sie zu glauben scheinen, dass es ihnen nicht zusteht, sich in den Vordergrund zu drängen. Sich möglicherweise vor den Konsequenzen, wie Zurückweisung fürchten, was sich noch bitterer anfühlt. Die, die dem anderen nicht zu nahe treten wollen und es stattdessen vorziehen unbefriedigt im Hintergrund zu bleiben. Es sind die Menschen, die mir ein Häppchen zuwerfen und mir die Deutungshoheit zuweisen, mit der ich mich manchmal in tagelangen Interpretationsversuchen selbst zermürbe.

Daneben stehen die Menschen, die ihre Bedürfnisse als grobe Masse spüren aber nicht namentlich benennen können. Sie leben mit der Überzeugung stets zu kurz zu kommen und vom anderen benachteiligt zu werden. Sie neigen dazu ihr Überbedürfnis an Aufmerksamkeit und Wertschätzung lauthals in die Welt zu schreien, weil das, was sie bekommen einfach nicht bei ihnen ankommt und sie mit einem Gefühl der Leere, des „Zu kurz kommens“ zurücklässt. Sie lassen den anderen in einem verwirrten Zustand der Entrüstung zurück. Mit beiden Bedürfnisvertretern ist der Umgang schwierig.

Die Bereicherung, sich in sozialen Netzwerken unpersönlich darstellen zu können, wird gerne dazu genutzt ein posting zu teilen, das einen anderen direkt mit seinem emotionalen Fehltritt konfrontiert und den Betroffenen sich schuldig fühlen lässt. Der anschließende Beifall außenstehender Beobachter, kann dem Posting teilenden, das fälschliche Gefühl geben, im Recht zu sein, weil der außenstehenden Gemeinschaft, der echte Sinn verborgen bleibt. Die Zwischenmenschlichkeit bietet allerlei Fallstricke einem anderen etwas mitzuteilen ohne die eigentliche Botschaft zu verraten, die dahintersteckt. Es ist ein hochkompliziertes strategisches Spiel, das uns dazu bewegt zwischen den Zeilen zu lesen, wenn wir die Aufforderung annehmen. Ob wir das Angebot zu einem Spiel, dessen Regeln eigentlich keiner kennt annehmen, ist in erster Linie davon abhängig, wie wichtig uns der Andere ist. Ich kenne verschiedene Varianten von Spielen, die alle keinen Spaß machen.

Du kannst deinem Partner jahrelang aufs Butterbrot schmieren welcher Verfehlungen er sich schuldig gemacht hat und ihm einen Mangel an Verlässlichkeit oder Rückhalt vorwerfen. Damit bleibst du das Opfer des Fehlverhaltens des anderen, das augenscheinlich frei von Schuld, in dieses miese Gefühl der Wertlosigkeit hinein manövriert wurde. Dein Partner wird garantiert bis in alle Ewigkeit in deiner Schuld stehen. Du kannst dich zutiefst verletzt in dein Schneckenhaus zurück ziehen und dich an deinem Gefühl der Minderwertigkeit laben. Du kannst deinen tiefen Kummer so obsessiv ausweiten, dass du dich mit dem anderen vergleichst und ihn als soviel besser begütet siehst als dich selbst, bis du soviel Neid verspürst, dass dein Gefühl deiner eigenen Daseinsberechtigung schwindet. Du kannst das Bisschen, das du ehrlich bereit bist, deinem Partner zu geben, dreifach lauthals zurückfordern, weil du dich einfach wichtiger fühlst und mit weniger nicht zufrieden bist. Du kannst deine narzisstischen Charakterzüge kultivieren und dich mit oberflächlichen Menschen umgeben, die dein wahres ich weder erkennen können noch wollen, das ist ungefährlich und unverbindlich.

All das kannst du weiter ausleben, wenn du deine eigene Verantwortung abgeben möchtest, um dich in der besseren Position zu fühlen. Es ist einfacher, mit dem anderen abzurechnen, als seine ganz eigenen wahren Beweggründe zu verstehen aber wisse, dass dein Verhalten Spuren hinterlässt, die den anderen prägen werden. Ich persönlich liebe Klarheit und bin bereit dafür die Ehrlichkeit des anderen auszuhalten. In der Ehrlichkeit meines Gegenübers öffnet sich mir die Möglichkeit eine Entscheidung zu treffen. Ich kann mich mit dem auseinandersetzen was wirklich ist und mich damit anfreunden, es verstehen und damit Frieden schließen. Saubere Kommunikation ist lernbar, in der aufrichtigen Auseinandersetzung mit dir selbst. Der Weg dahin mag steinig sein, aber auch wichtig und lohnend.

Frollein Rottenmeier

Vollmond

Da liege ich , neben mir der Mann, den ich geheiratet habe. Er hat die Decke zurück geschlagen und liegt auf der Seite, mir zugewandt. Sein Mund ist leicht geöffnet, er atmet leise tief ein und aus. Die helle Haut seines Körpers glänzt geschmeidig im Mondlicht. Er ist schön, wirkt zart, fast zerbrechlich. Ich sehe ihn so wie er ist, so wie sonst niemand ihn sieht. Einer unserer Hunde liegt hinter dem Bett, er atmet sich mühsam in den Schlaf. Der Andere liegt vor dem Bett, lautlos. Sein schwarzes Fell wirkt, als habe ihn jemand dahin gegossen. Unser dritter Hund, der weiße, ist wie immer unten im Hausflur und bellt leise vor sich hin. Ich weiß, dass er träumt und die Erlebnisse des Tages verarbeitet.

Ich reise in meine Welt der Vergangenheit, Gesichter tauchen auf und wieder ab. Ereignisse holen mich ein, die ich nicht erleben wollte, zeigen sich mir noch einmal ganz deutlich. Ich sehe Menschen, die ich lieber nicht getroffen hätte, Ungerechtigkeiten, Verletzungen, fühle mich benutzter als damals, als mir die Erfahrung fehlte.

Ich liege auf dem Rücken und wische mit der Hand über mein Gesicht, so als wolle ich die Dämonen vertreiben. Ich drehe mich nach rechts und sehe wieder den Mann, den ich geheiratet habe, streife mit meinen Augen über seinen Körper und zeichne seine Silhouette nach, er ist vollkommen. In meinem täglichen Leben vergesse ich oft, wie vollkommen er ist.

Wir haben so viel erlebt und erreicht, in den Jahren, die wir gemeinsam durchs Leben ziehen, dass ich es unmöglich aufzählen kann. Er tut alles für mich, keiner meiner Wünsche ist ihm zu groß, so dass er ihn ablehnen würde. Er stellt mich in Frage, wenn es angebracht scheint, ist nachtragend, wenn ich zu streng bin. Große Worte liegen ihm nicht, die Welt da draußen behagt ihm nicht. Seinen Erfolg verdankt er seiner Klugheit, Beharrlichkeit und Besonnenheit. Mein Fels in der Brandung, der, der mich aufrichtet wenn ich am Boden bin. Er zeigt mir seinen stillen Kummer, seinen leisen Ärger, wenn Platzhirsche ihm sein Revier streitig machen, ebenso, wie seine kindliche Freude. Er ist so echt und lebendig, dass ich ihn spüren kann. Ich liege neben ihm und betrachte ihn, atme ihn ein bis ich erfüllt bin und den Mond weiterziehen lassen kann. Ich wünsche mir, dass wir noch viele Vollmonde nebeneinander liegen können und schlafe dankbar ein.

Frollein Rottenmeier