Wer schützt unsere Kinder

Ich widme mich heute einem zutiefst traurigen und schrecklichen Thema, das mir aus persönlichen Gründen sehr am Herzen liegt. Es geht um die unglaublich hohe Zahl der aufploppenden Fälle von Kindesmissbrauch.

November 2019

Am Homburger Uniklinikum soll ein Assistenzarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie zwischen 2010 und 2014 hunderte Kinder bei unnötigen Untersuchungen im Genital- und Analbereich sexuell missbraucht und vergewaltigt haben. Die Klinikleitung kündigte ihm 2014 und stellte Strafanzeige, trotzdem konnte dieser Arzt sich mit gutem Zeugnis in einer Kaiserslauterner Fachklinik bewerben, um seinen Facharzt zu machen. Als er 2016, im Beisein eines 11 Jährigen, der laut Patientenakte als Außengast geführt wurde, eines natürlichen Todes starb, wurde das 2014 gegen ihn gestellte Strafverfahren eingestellt. Die Staatsanwaltschaft, die das Verfahren einleitete und die Klinik, unterließen es, die Eltern der betroffenen Kinder zu informieren. Durch einen Zufall erfuhr ein Elternpaar, dass die Polizei ihren Sohn als Missbrauchsopfer führte. Dieses Elternpaar informierte andere Eltern und dadurch wurde das Horrorszenariozenario überhaupt bekannt. Mittlerweile rückte die Klinik 32 Patientenakten von Kindern und Jugendlichen zwischen 1 Jahr und 14 Jahren raus und man kann davon ausgehen, dass es nicht alle sind.

In der HNO Abteilung des Homburger Uniklinikums, sind mittlerweile ebenfalls 3 Missbrauchsfälle aufgetaucht, die 2012 begangen wurden, die Polizei ermittelt gegen unbekannt.

November 2019

Ein 71 jähriger Rentner aus Saarwellingen soll zwischen 2016-2019 Kinder missbraucht haben, die unter Behinderungen leiden. Er arbeitete als Fahrer eines Transportunternehmens und brachte die Kinder aus ihren Betreuungseinrichtungen nach Hause. Dort verging er sich an ihnen, filmte und fotografierte sich dabei.

Oktober 2019

Eine Nordamerikanische Behörde insistiert, jemand habe mit seiner deutschen IP Adresse Kinderpornografie hochgeladen. Die deutschen Behörden verfolgen die IP Adresse und nehmen einen 42 jährigen Mann aus Bergisch Gladbach fest. Sie finden heraus, dass er seit Jahren seine Tochter missbraucht. Er tauschte sich mit weiteren pädophilen Tätern aus ganz Deutschland aus. Sie trafen sich in Chats, wo sie die Pornos ihrer Kinder miteinander austauschten. Sie unterhielten sich darüber, wie man Kinder auf den Missbrauch vorbereitet, sie belohnt oder so manipuliert, dass sie über die Taten schweigen. In einem der Chats gab es mehr als 50.000 Menschen in Adressverzeichnissen. Mittlerweile wurden 20 Beschuldigte, aus 7 Bundesländern festgenommen. Die Beamten fanden Kinderdildos, Reizwäsche und Apparaturen in den Kinderzimmern, zum Filmen der Missbrauchssituationen. Die Kinder waren zwischen 11 Monaten und 14 Jahre alt. Mancher Tatverdächtiger brachte sein Kind mit zu den Treffen mit anderen Pädophilen, damit sie sich an seinem Kind vergehen konnten. Ein Ermittlungsbeamter stellt fest, dass die Chatprotokolle Fenster öffnen, aus denen die Ermittler in einen tiefen Abgrund blicken. Ursula Endres, die Gründerin von „Zartbitter“, einer Kontakt- und Informationsstelle gegen sexuellen Missbrauch, ist zum ersten Mal optimistisch, weil die Politik wieder zuhört.

Anfang 2019

In Lügde werden 3 Männer verhaftet, die als Dauergäste in vermüllten Campingwagen auf einem Campingplatz lebten. Ihnen wird vorgeworfen über einem Zeitraum von 10 Jahren Kinder und Jugendliche schwer missbraucht zu haben.

Burbach 2001

Der fünfjährige Pascal verschwindet spurlos und damit überrollen sich die Ereignisse. Kurz zufor wird er von 3 Männern brutal vergewaltigt, niemand weiß zum wievielten Mal. Er wird nach der Schule zu einer Kneipe gebracht, weil die Wirtin sich bereit erklärte auf ihn aufzupassen. Die Bahngleise sind ja direkt in der Nähe. Sie kassiert von Jedem, der Pascal quälen darf 20 DM. Wenn der Junge aus der Hinterkammer der Kneipe zu laut schreit, dreht die Wirtin einfach die Musik lauter. Pascal war nicht der Einzige, dem das passierte. Die Wirtin übernahm Pflegschaften für andere Kinder. Pascal wurde nie gefunden. Einige der Ermittler, die in diesen Fall involviert waren, haben ihren Dienst quittiert und wurden arbeitsunfähig.

Offiziell werden jährlich 140.000 Fälle von Kindesmissbrauch gemeldet. Davon sind 92% der Opfer zwischen 6-14 Jahre alt, 8% zwischen 0-6 Jahre. Ich weiß aus meiner beruflichen Situation, dass die Dunkelziffer unermesslich hoch ist. Vor mir saßen Menschen, die ihre schrecklichen Erlebnisse kennen und im Vertrauen ansprachen und Menschen bei denen nur ich den Eindruck gewann, dass ihnen so etwas passiert sein könnte. Es gab darunter niemanden, der gegen den/die Täter vorgegangen ist.

Ich weiß aus eigenen schmerzlichen Erfahrung wie es ist, sich als Erwachsene wieder an den Missbrauch zu erinnern oder erinnert zu werden, z.B. im Verlauf einer Psychotherapie. Die Wiederauferstehung aus solch traumatischen Lebensereignissen gleicht einem Fegefeuer. Der Rückweg in ein lebenswertes oder sogar liebenswertes Leben verläuft in verschiedenen Stadien. Du erlebst alles noch einmal allerdings mit dem Bewusstsein eines Erwachsenen. Waren die Kinder alt genug, um schon eine eigene Libido zu haben, kann es sein, dass diese heimlichen Begegnungen mit einem meist vertrauten Erwachsenen als angenehm oder sogar lustvoll erlebt wurden. Es kommt zu Schamgefühlen, oder der irrigen Annahme, man habe es vielleicht selbst so gewollt oder provoziert. Dieser Erkenntnis folgt das bittere Gefühl des Ekels vor sich selbst, das Abwerten der eigenen Person. Im weiteren Verlauf der Bewältigung kommt es zu Wut, Wut auf den Täter, aber auch auf sich selbst und auf die, die hätten helfen können. Gefühle wie Ohnmacht, das Gefühl wehrlos zu sein und das Gefühl der Wertlosigkeit stellen sich ein. Die Betroffenen werten sich ab und fühlen sich allein gelassen von Gott und der Welt. Danach kommt die Trauerphase, es entsteht eine tiefe Traurigkeit darüber, dass einem so etwas passieren konnte. Wenn die Opfer es bis hierhin geschafft haben, erwartet sie das Schwierigste am ganzen Prozess, das Verzeihen. Diese letzte Phase kann ein Leben lang dauern. Um mit sich selbst ins Reine zu kommen, frei zu werden und ein selbstbestimmtes Leben leben zu können, hilft nur der gnädige Akt des Verzeihens.

Mein Appell, an alle die Kinder und Enkelkinder haben, erzieht eure Kinder zu mutigen, mündigen Menschen. Freut euch über ein wehrhaftes Nein mehr als über ein schüchternes Ja. Sprecht mit ihnen, hört ihnen zu, schaut euch an wer eure Kinder trainiert, seht euch die Hausaufgabenbetreuung und den Musiklehrer ganz genau an. Geht bei Arztuntersuchungen mit in den Raum und bleibt an ihrer Seite. Erklärt ihnen, dass sie nichts machen müssen, das sie nicht möchten. Sagt ihnen, dass es nicht stimmt, wenn Jemand behauptet: „Wenn Du nicht mitmachst, werden Papa und Mama schwer krank“! Und falls doch was schlimmes passiert ist, nehmt sie in die Arme, hört ihnen aufmerksam zu, auch wenn es noch so schmerzlich ist, weint mit ihnen. Sagt ihnen niemals, dass es nicht sein könne, nicht stimmen könne, weil ihr den Typen, der das getan haben soll, glaubt zu kennen und ihm vertraut. Lasst eure Kinder niemals alleine mit diesen Dramen.

Meine Bitte an die Gesellschaft, hört auf das Thema zu tabuisieren, es passiert viel zu oft und nimmt durch die Macht der Digitalisierung immer perfidere Formen an.

Für die Betroffenen und Angehörigenein paar Anlaufstellen:

Hilfetelefon sexueller Missbrauch 0800 2255530 (kostenfrei und anonym)

Fonds sexueller Missbrauch, Verein für Opfer von sexuellem Missbrauch

Hilfeportal UBSMK

Autor: Marie

Ich bin 1969 geboren und schreibe nun schon eine ganze Weile. Meine Gedanken in Worte zu fassen scheint mir eine Notwendigkeit, die zu unterlassen, mich schlicht unvergnüglich stimmt. Darüberhinaus betreue ich Klientinnen mit persönlichen Problemen in ihrem Bestreben sich weiterzuentwickeln. Also eigentlich ganz ähnlich wie ich selbst.

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