Die Hassprediger

Die Wütenden unter uns, sind die, die am meisten auffallen. Menschen, die Gift und Galle spucken. Die Themen, derer sie sich bedienen sind vielfältig, ob Politik, Asylsuchende, Greta Thunberg, ein Gedenktag, oder Du und ich. Es sind die, die Hackfresse in die Kamera grölen und ebenso die, die daneben stehen und Beifall klatschen. Das verbindende Motiv, ist das Unvermögen, sich weiter zu entwickeln. Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass die wutauslösenden Themen dabei kaum relevant sind. Die Themen dienen oft nur als Kathalysator, als Mittel zum Zweck, um der Wut Luft zu verschaffen. Wenn der Wütende genug Sympathisanten findet, die ihn mit ihrem Applaus oder ihrer Beachtung positiv verstärken, wird die Wut zum Selbstläufer. Je unflätiger der Wütende andere beschimpft, desto größer wird die Schar seiner Anhänger, die zu glauben scheinen, der traue sich was.

Was steckt hinter der Wut? Der Wütende ist unzufrieden, in erster Linie mit sich selbst, aber das weiß er nicht. Er vergleicht sich mit anderen, die alle mehr in ihrem Leben erreicht haben und augenscheinlich deutlicher wahrgenommen werden. Unser Unterbewusstsein hat uns ein paar Mechanismen an die Hand gegeben, die dafür Sorge tragen, dass wir nicht gleich alle unsere Mängel erkennen, weil diese Erkenntnisse uns in eine tiefe Krise stürzen können. Der Wütende, trägt das nicht Wahrnehmen wollen dieser Mängel nach außen und findet dort allerlei Anlässe, die zu einer lautstarken Beschwerde tauglich scheinen. Die Unzufriedenheit sitzt so tief, dass der Selbstwert leidet. Je größer die Unzufriedenheit, umso größer die Wut, desto lauter sein Gezeter … ihr könnt mir folgen? Wenn der Wütende nun die Tendenz hat, sich nach außen darzustellen, kann er in Sozialen Netzwerken eine gute Bühne für seine Selbstdarstellung finden. Wenn er jetzt in diesen Netzwerken lange und laut genug kreischt, wird er zwangsläufig Anhänger finden, denn es gibt viele Wütende. In dem Augenblick, in dem sie ihm die nötige Beachtung schenken und sogar Beifall klatschen, nimmt sein Selbstwert wieder Fahrt auf. Er wird in seinem Handeln positiv verstärkt und wird diese gute Erfahrung dazu zu nutzen wissen, weiter zu schimpfen. Da Wut auch der Motor für Suchterkrankungen ist und der Applaus sein Belohnungszentrum anregt, wird er irgendwann nicht mehr damit aufhören können. Um noch mehr Applaus zu erzielen, der sich so gut anfühlt, wird er sich reinsteigern müssen, bis er sich so sehr in seinen Hasstiraden verliert, dass er seine Wut rauskotzen muss. Er wird immer mehr Gegner finden, die er diffamieren kann. Es kann sein, dass der Wütende große, tief sitzende Ängste hat, von denen er natürlich nichts weiß, weil sie sich einfach nur als Bluthochdruck verschleiert bemerkbar machen. Vielleicht hat der Wütende einmal eine Frau sehr gemocht, die ihn enttäuschte, weil sie ihn verließ und er erlebte einen großen Verlust. Dadurch kann er ein ziemlich dunkles Frauenbild gewonnen haben, das er dazu nutzen wird, sich übelst vulgär, in Fäkaliensprache über Frauen auzuslassen. Diverse eigene Gewaltfantasien, die sich mit Hilfe einschlägiger Pornofilme bereichern lassen, werden sein Vokabular, in diesem Sinne erweitern.

Der Wütende hat verschiedene Verhaltensweisen nicht gelernt, die sich in erster Linie auf die emotionale Ebene beziehen. Es mangelt ihm an der Toleranz, seine Frustrationen auszuhalten. Wenn er sich enttäuscht fühlt, bleibt ihm die Luft weg und aus der irrationalen Angst heraus zu ersticken, beginnt er zu schreien. Er hat nicht gelernt seine Bedürfnisse wahrzunehmen und daher fehlt ihm auch die Fähigkeit, diese sachlich und gelassen zu kommunizieren. Durch den bewussten, oder unbewussten Vergleich mit anderen, fühlt er sich minderwertig. Er lernte nicht, seine Gefühle zu kontrollieren und unterliegt einer Affektlabilität, die ihn wie ein Schiff auf hoher rauer See, ordentlich durchschüttelt und straucheln lässt.

Der Wütende neigt dazu, nicht nur seinen Kontrahentinnen, die sich von ihm angesprochen fühlen, das Leben zu beschweren, sondern auch sich selbst. Er schreit uns an, damit wir ihn wahrnehmen. Und obwohl er nicht weiß, wie sich liebevolle Wertschätzung und Anerkennung anfühlen, weil er das nie erlebt hat, verzehrt er sich danach. Wenn er jedoch nichts anderes bekommen kann, reicht ihm die positive oder negative Aufmerksamkeit, die er erhält.

Facebook eignet sich auch deswegen so hervorragend für all die Wütenden, weil sie den Algorithmus unwissentlich für sich zu nutzen wissen. Ein bekannter Wütender erzielte neulich, mit sexistischen, fremdenfeindlichen, geschichtsleugnenden Hasstiraden 200 Emoji Reaktionen in kurzer Zeit, außerdem wurde sein, in Kürze hingerotztes Posting, mehrfach geteilt und natürlich kommentiert. Mit dieser Reaktionsfreudigkeit erreicht man bei Facebook die nötige Relevanz, damit das selbe Posting immer wieder im Newsfeed erscheint. Mit dieser Tatsache wird es selbsterklärend, warum Facebook den Meldungen verärgerter Mitmenschen, das Posting zu löschen, nicht nachkommt. Es ist interessant für Facebook, weil es Menschen zu Reaktionen bewegt. Und so bekommen die Schreihälse, genau die Aufmerksamkeit, die sie unaufhaltsam weiter machen lässt.

Frollein Rottenmeier

Autor: Marie

Ich bin 1969 geboren und schreibe nun schon eine ganze Weile. Meine Gedanken in Worte zu fassen scheint mir eine Notwendigkeit, die zu unterlassen, mich schlicht unvergnüglich stimmt. Darüberhinaus betreue ich Klientinnen mit persönlichen Problemen in ihrem Bestreben sich weiterzuentwickeln. Also eigentlich ganz ähnlich wie ich selbst.

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