Der traumatisierte Balkan

Ismet selbst ist Bosnier und glaubt an Allah und er ist nicht zornig. Ismet schläft nur einfach keine Nacht mehr. Er wacht schwitzend und schreiend auf weil er in der Dunkelheit von Bildern heimgesucht wird, die sich nicht verdrängen lassen. Ismet soll schreiben, sagen die Ärzte, er habe ein posttraumatisches Belastungssyndrom und solle alles aufschreiben. Ismet schreibt…

30. Dezember 2018

Ich hörte dieser Tage ein Buch. Die Geschichte von Ismet Prcic, der mir auf seine eindrucksvolle Art beschreibt, was während der Balkankrise passierte. Wie aus Jugoslawien, Bosnien, Serbien und Kroatien wurde. Er beschreibt, was er selbst erlebte und was das Erlebte mit ihm gemacht hat. Wie er und seine Landsleute über Generationen traumatisiert wurden und zu was Menschen fähig sind. Ich las früher schon einen Spiegel Artikel über diesen Krieg, daher hatte ich schon eine Vorstellung von dem unerträglichen Leid, das dort passierte, aber Ismets Geschichte treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weine leise für eine sehr lange Zeit vor mich hin.

Ismet schreibt vom Krieg, von Sirenen und Luftschutzbunkern, von nächtlichen Angriffen und übereilten Treffen in Kellern. Er beschreibt Frauen, die auf Pritschen sitzen und weinend ihren Oberkörper hin und her wiegen, nicht wissend was da draußen passiert, oder was noch da ist, wenn sie den Bunker wieder verlassen. Er schreibt über näher kommende Detonationen. Er erzählt mir von unterschiedlichen religiösen und politischen Ansichten, von sehr altem, lange währenden Zorn. Ismet lässt mich wissen, wie manche Männer ihren Frauen den Hals durchschnitten, weil sie nicht ertragen hätten, wären diese von mehreren Männern vergewaltigt worden. Ismet schildert mir, wie die Gegner dem Feind Gliedmaße abtrennten und Kreutze in ihre Körper ritzten, bis sie den Feind von seinem Bruder erlösen ließen. Er sagte mir, dass diese Brüder sich nach dem Krieg selbst töteten, weil sie die Last dessen, zu was sie gezwungen wurden, nicht mehr ertragen konnten. Ismet spricht darüber, wie gefangen genommene Feindinnen sich Schäferhunden hingeben mussten. Er spricht von Scham, Pein, Schuld, Zorn, von Hunger, Todesangst und Verzweiflung.

Ismet selbst ist Bosnier und glaubt an Allah und er ist nicht zornig. Ismet schläft einfach nur keine Nacht mehr. Er wacht schwitzend und schreiend auf, weil er in der Dunkelheit von Bildern heimgesucht wird, die sich nicht verdrängen lassen. Ismet soll schreiben, sagen die Ärzte, er habe ein posttraumatisches Belastungssyndrom und solle alles aufschreiben. Ismet schreibt. Die Geschichte von Ismet ist austauschbar. Es ist die gleiche Geschichte, die auch Menschen in Lybien, Syrien, Iran, Irak, Afghanistan und Afrika erleben. Es ist die Geschichte, wenn uralte Glaubenskonflikte, uralte Überzeugungen, die Einzig richtigen sind und Toleranz ein Fremdwort ist. Eine Geschichte, die auf dem Boden kapitalistischer Mächte wächst, die den Hals nicht voll kriegen und das Drama durch Waffenlieferungen am Laufen halten.

Die Macht dieser tiefen traumatischen Einschnitte, wie Ismet oder viele andere Menschen sie erleben müssen, macht mich betroffen und traurig. Manch einer bezeichnet mich als „Gutmensch“, weil ich befürworte, dass Menschen, die in ihrem Heimatland massiv bedroht werden, die Zuflucht und Sicherheit bei uns suchen, diese auch erhalten sollten. Mit immer größer werdender Abscheu betrachte ich die Mitmenschen, die gegen Flüchtlinge wettern, und unsere Verantwortung und unsere eigene Geschichte verdrängen. Sie verwirken für mich heute ganz klar die Berechtigung in unserer schönen Demokratie zu leben.

In diesem Sinne, ein gesundes, sattes, zufriedenes und friedliches neues Jahr Euch allen. ❤️🙏 Frollein Rottenmeier