Über

Lasst uns diese Welt retten

Einige Monate nachdem die Schwedin Greta eine Jugendbewegung in Gang brachte, wird der Ton im Netz gegen sie immer rauer. Greta erreichte mit ihrem Aufruf zu Schulstreiks, dass sich etliche Wissenschaftler hinter sie stellten, um die Gunst der Stunde zu nutzen, uns zu erklären, wie schief unsere Lage tatsächlich ist. Wir haben heute die Möglichkeit, sofern wir dazu bereit sind, offenen Auges und Ohres zu erkennen, was wir seit Jahrzehnten falsch machen und was wir mit unserem Verhalten bisher erreicht haben. Wir dürfen nun erkennen, dass wir Weltmeister im Mülltrennen sind und guten Gewissens die Schuld bei anderen suchen. In Wirklichkeit sind wir mit unserer Coffe to go und Online Handel Nutzungs- mentalität auch Europameister im Ansammeln von Verpackungsmüll. Jeder von uns deutschen „Der grüne Punkt“ Sammler hat im Jahr 2015, 25 kg Plastikmüll entsorgt. Wir werfen unseren Verpackungsmüll in gelbe Säcke denn wer will das schon in seinem Garten haben. Man lässt uns wissen, dass dieser Müll recykelt wird aber die Anlagen zum recyleln von Plastik sind sehr teuer, daher schicken wir seit Jahren 65% dieser „Wertstoffe“ nach China und geben ihnen Geld für die Entsorgung. Seit 2018 möchten die Chinesen unseren Müll nicht mehr aufnehmen, weshalb wir seit 2018 in Malaysia entsorgen. Malaysia hat diesen Müll eine zeitlang in leerstehenden Fabrikhallen gelagert doch nun wird es dort eng. Sie lagern diesen Müll jetzt auf offenen Deponien und wir können in den Medien, malaysischen Kindern dabei zusehen, wie sie darin herum wühlen. Stellenweise verbrennen sie das Plastik auch offen, was die Bevölkerung zunehmen an Atemwegserkrankungen leiden lässt. Anderorts werden große Teile dieses Mülls ins Meer geschwemmt. Der Müll lässt die Bilder von Walen entstehen, die bis oben hin voll mit Plastik gestrandet sind und zu einem Aufschrei in deutschen Wohnzimmern führen. Seit August 2019 schickt Malaysia den Müll an die Erzeugerländer zurück, die weltweit vertreten sind.

Wir möchten aus der Kernkraft aussteigen, von der wir einst glaubten, sie sei die sauberste Art der Energiegewinnung denn die Entsorgung der Restbestände überfordert uns. Auf die neuen Lösungen zur Energiegewinnung können wir uns nicht so recht einigen und weil der Strom eben nicht einfach aus der Steckdose kommt, kaufen wir unseren Restbedarf in Frankreich, wo er in den dortigen Atomreaktoren hergestellt wird, wir denken bis zur Grenze. Das Festhalten an der Zeitumstellung wird den Rest schon richten.

Wir bestehen auf unserer täglichen Portion Fleisch und da wir die vielen Menschen in unserem Land, die wenig Geld haben auch damit beglücken wollen, akzeptieren wir Massentierhaltung. Die Massen an Tieren, die wir unmöglich alle essen können brauchen Futter und so holzen wir Wälder ab um Platz zu schaffen, um Mais, Reis und Soja anzubauen. Sehr viele Tiere produzieren Methan, das wir eigentlich zur Energiegewinnung nutzen könnten aber wir sehen dabei zu wie es sich verflüchtigt und zu CO2 wird.

Wir zeigen auf China weil sie den Weltmarkt mit Elektroartikeln überschwemmen und verlängern alle 2 Jahre unseren Mobilfunkvertrag weil wir dann ein krachneues Handy bekommen.

Wir nehmen hin, dass ein deutscher Chemiekonzern den größten Agrarriesen aufkauft, um auch weiterhin Bauern weltweit mit genmanipuliertem Saatgut zu versorgen. Wir sehen, dass das Pestizid und Herbizid Glyphosat für weltweites Insektensterben verantwortlich ist und freuen uns, dass es in vielen Ländern verboten wurde, deshalb wird Glyphosat jetzt unter anderem Namen weiterverkauft.

Wir wollen zu jeder Zeit alles essen daher kaufen wir auch Bananen aus Costa Rica, Melonen aus Südamerika, Bohnen aus Kenia und Jaffa Orangen aus Israel, ohne Rücksicht auf die Transportwege, hauptsache bunt und vielfältig. Wir unterstützen Aldi, Lidl, Rewe und Co billiges stark Pestizidbelastetes Obst und Gemüse aus Spanien anzubieten und riskieren unsere Gesundheit.

In der Arktis brennt ein riesiges Feuer, das sich durch die Torfböden frisst. Dabei entstand im Juni ein gemessener CO2 Ausstoß, wie ihn Schweden in einem Jahr erzeugt. Kanadische und sibirische Wälder brennen, unsere eigenen Wälder sind in extrem schlechtem Zustand und werden von Borkenkäfern heimgesucht. Die Welt brennt und versinkt in Tsunamis und schmelzendem Eis. Etliche Tiere verlieren ihren Lebensraum und sind vom Aussterben bedroht. Die Weltbevölkerung explodiert und will essen.

An dieser Stelle kommt wieder die Schülerin Greta ins Spiel. Sie hat sich erlaubt uns auf all das hinzuweisen und eigentlich müssten wir ihr dankbar sein, dass sie uns die Augen geöffnet hat, denn nun nachdem so viele Menschen diese Erkenntnisse gewinnen konnten, können wir handeln. Stattdessen schreiben wir 2019 die Geschichte der Leugner, der Anfeinder, der Bagatellisierer und Schönredner. Ein nicht unerheblicher Teil meiner Mitmenschen feindet Greta Thunberg an und scheint sich von ihr bedroht zu fühlen. Sie fühlen sich bedroht von dem Wind der Veränderung, der plötzlich weht, haben Angst ihren Status Quo aufgeben zu müssen, ihre Komfortzone zu verlassen, Abstriche in Kauf zu nehmen und die Macht der Gewohnheit ziehen zu lassen. Spott und Häme durchzieht das Netz, man beschimpft sie, zum Teil aufs Übelste. Plötzlich ist ein Pulk von selbsternannten Wissenschaftlern entstanden, die in ihrer grenzenlosen Dummheit versuchen, jede von ihr, noch so nachvollziehbare These zu entwerten und zu entkräften.

Und ich frage mich, wo bin ich hier eigentlich gelandet?

Frollein Rottenmeier

Woher kommt dieser ganze Hass?

Hass ist das scharfe, anhaltende Gefühl der Antipathie, es entsteht aus dem tiefen Gefühl erlittener Verletzungen.

Hass ist ein tief sitzendes Gefühl, das uns erlaubt destruktiv zu sein. Es lässt uns glauben, dass wir im recht sind. Es verhindert unsere soziale Fähigkeit uns selbst in Frage zu stellen und nimmt uns unser Mitgefühl. Hass lässt uns innerlich glühen und erweckt in uns ein Gefühl der Lebendigkeit, er gibt unserem Leben einen Sinn, den wir vorher nicht kannten. Er gibt unserem Dasein eine Berechtigung, die wir zuvor nicht spürten. Wir sind nun auch Jemand, der eine Meinung vertritt, die wir laut nach aussen kreischen können und erleben dadurch eine Selbstwirksamkeit, die das frustrierende Gefühl unserer eigentlichen Ohnmacht unterdrückt. Hass erhebt uns über andere, macht uns groß und lässt uns das zermürbende Gefül unserer eigenen Bedeutungslosigkeit verlieren. Er verbindet uns mit denen, die genauso denken wie wir und übertönt unser Gefühl von Leere und Einsamkeit. Hass macht hässlich wenn wir unseren augenscheinlichen Gegnern, mit verzerrten Gesichtern unsere Wahrheit entgegenspucken. Er gibt uns die Macht problemlos alle Andersdenkenden als dumm zu bezeichnen. Hass nährt sich aus der Quelle unseres übergroßen Egos, der Teil von uns, der bedenkenlos will. Er nimmt uns unsere Beherrschung und unsere Hemmungen, lässt uns nach vorne preschen und angreifen. Hass ist laut, intensiv, fordernd und kraftvoll, ein starker Motivator. Er gibt uns das Gefühl von Größe und Kraft. Hass ist das Gegenteil von Liebe.

Hass ist ein gesellschaftliches Problem, das sich durch unsere Politik verstärkt hat. Er wird gelebt durch Menschen, die einfach denken und einfache Lösungen für ihre Probleme suchen. So unsinnig und gefährlich mir persönlich deren Aufbegehren auch erscheinen mag fühlen sie sich abgehängt, falsch behandelt und unverstanden. Sie suchen jemanden, der die Verantwortung für ihr Dilemma übernimmt, das macht aber niemand und so finden sie Feindbilder. Hass ist auch ein erzieherisches Problem weil unser Wertesystem einzig Leistung belohnt. Wir haben verlernt echte Werte zu vermitteln. Wir haben nicht gelernt einem anderen Anerkennung und Respekt zu zollen, einfach dafür dass er ist. Wir haben nicht gelernt den anderen wegen seiner Selbst zu lieben, sondern dafür dass er unsere Bedingungen erfüllt. Unsere Gesellschaft ist durchtränkt mit Lieblosigkeit und nun werden die Menschen, die das lautstark einfordern täglich mehr.

Frollein Rottenmeier

Frankfurt in Hessen

Die Hinrichtung des Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke schwebt noch über uns wie das Damoklesschwert.

Die Schüsse auf einen jungen Eritreer in Wächtersbach, mit anschließendem Suizid des Täters, der sein Opfer aus fremdenfeindlichen Motiven ausgesucht hatte, sind noch nicht verhallt.

Gestern Morgen stieß ein 40 jähriger, in der Schweiz lebender Eritreer, der selbst Vater von drei Kindern ist, eine Frau und ihren 8 jährigen Sohn auf die Gleise eines einfahrenden Zuges. Die Mutter konnte sich retten, ihr Sohn starb. Die Tat ist der zweite Todesstoß nach Voerde, wo ein 28 jähriger, polizeibekannter in Deutschland lebender Serbe bereits eine 34 jährige Frau und Mutter vor einen Zug stieß.

Es ist unbestritten grausam einen anderen Menschen auf diese oder eine andere Weise, oder überhaupt zu töten. Wir reagieren mit Unverständnis, Traurigkeit, Mitgefühl für die Opfer, mit Wut, Hass und Zorn und das alles zurecht. Es zeigt unsere Fähigkeit Anteil zu nehmen uns zu solidarisieren aber nicht nur das.

Da ploppen sie wieder hoch, die Kommentare derer, die sich einfach nur bedeckt gehalten hatten, vergleichbar mit Schläfern, die warten bis sie Anweisung bekommen, wo und wann sie sich für die vermeintlich gute Sache in die Luft sprengen dürfen. Ich spreche von den fanatischen Tatsacheverdrehern. Die Kommentare derer, die sich eine Weile versteckt hielten, sich vor gesellschaftlicher Ausgrenzung fürchteten weil die Stimmen der Vernunft und der Besonnenheit lauter waren. Die Kommentare derer, die gestern Morgen aus dem Schlaf erwacht sind um ihren ganz eigenen Terror zu verbreiten, so als haben sie nur auf das richtige Unglück gewartet. Seit gestern Morgen weht wieder der Blutrausch durchs Netz.

Ich lese über das treu-doofe Verhalten des derart dummen deutschen Volkes, das sich von dem volksvernichtenden Merkel-Regime in den wohlverdienten Abgrund führen lässt, über blauäugige Gutmenschen, denen die Fähigkeit abhanden gekommen ist, die brutale Gewalt, die hier reinkommt wahrzunehmen. Man möchte mir, die sich allein durch die Fähigkeit zu Toleranz und Offenheit angesprochen fühlt vermitteln, dass ich dumm bin, voller unsinnigem Vertrauen, hörig, labil lenkbar, benutzbar und blind. Wenn ich mich von all den Anschuldigungen frei mache, dann bleibt wieder einzig dieser fahle Beigeschmack, dass hier Opfer benutzt werden um für die eigene Sache Stimmung zu machen. Plötzlich sollen in Schwimmbädern Security-Kräfte eingesetzt werden weil sich „Die feinen Herrschaften“ , die wir so zahlreich willkommen hießen, in unserem Land nicht benehmen können. Ich hatte kürzlich noch einen Artikel gelesen, in dem vom Einsatz von Sicherheitskräften in Schwimmbädern die Rede ist, weil unsere deutsche Jugend sich besoffen vom drei Meter Brett in die heillos überfüllten Menschenmengen fallen lässt. Dazu kommen unzählige Kommentare von Menschen, die unserer/ihrer eigenen Sprache nicht mächtig sind.

Ich bin erschrocken und unschön bewegt, sowohl darüber, dass Menschen aus nie zu verstehenden Gründen, ihr Leben lassen mussten, als auch über meine Mitmenschen, die sich jetzt wieder nach einer Ordnung sehnen, die trennt statt verbindet und manchmal die Rechtstaatlichkeit verlässt und den demokratischen Grundgedanken vergisst. Das Vertrauen ist wieder entschwunden. Der Traum vom Sommermärchen 2006 unendlich weit, als wir alle gemeinsam, egal welche Hautfarbe, egal welche politische oder religiöse Motivation, uns in die Arme fielen um unseren Sieg der Herzen zu feiern und die Erste echte Toleranz aufflackerte…

„Ein Hoch auf uns, auf dieses Leben. Auf den Moment der Ewigkeit.“

Andreas Bourani

Frollein Rottenmeier

Geschichten, die das Leben schreibt

Es ist Samstag früh am morgen. Mein Mann und ich haben einen Schwimmteich für die Hunde geplant. Der Grund ist ausgehoben und die Folie verlegt. Wir befinden uns in Phase zwei unseres Projekts und möchten die Technik installieren. Er hatte wohlwissend, dass er einen 3 Zoll Schlauch nicht ohne technische Hilfsmittel mit einem 1,5 Zoll Anschluss verbinden kann, gestern bei einer Firma einige Überbrückungen bestellt. Die freundliche Firma nahm unsere Bestellungen auf und gab die Ware zum versenden an ein Transportunternehmen. Für einen Transportkostenaufschlag von 18 €, einem Drittel des eigentlichen Warenwertes, sollten wir die Ware per Expressversand am nächsten Morgen erhalten. Wir bekamen eine Trackingnummer, anhand derer wir den Verlauf unseres Paketes verfolgen konnten.

Guter Dinge machten wir uns an die Arbeit, bis unsere Hunde auf eine Unstimmigkeit am Eingangstor reagierten und uns lautstark darauf aufmerksam machten. Ich rannte ums Haus herum nach vorne und sah einen allseits lädierten dunkelblauen VW Kombi mit SB Kennzeichen. Als ich mich auf das Tor zubewegte, setzte er langsam zurück. Ich brachte die Hunde ins Haus, damit sie nicht verloren gehen, öffnete das Tor und winkte den PKW herein. Daraufhin fuhr er langsam in den Hof und blieb stehen. Ich bat ihn das Fenster herunter zu kurbeln, weil das die Kommunikation ungemein vereinfachen kann. Danach sah ich einen etwa 25 jährigen jungen Mann mit lässiger Kleidung. Der Innenraum des Kombis sah vermüllt aus, am Rückspiegel hing ein Würger. Ein Hundehalsband aus metallenen Kettengliedern, die in Metallspitzen enden. Der Hund kann es mit den Spitzen nach innen tragen, was schlecht für den Hund ist oder mit den Spitzen nach außen, was schlecht für die anderen Hunde ist. Ich betrachte den jungen Mann nicht vorurteilsfrei und frage ihn , wie ich ihm weiterhelfen könne. Er lässt mich wissen, dass er die Jugendherberge sucht. Jugendherberge und Reiterhof sind um die Ecke und als ich zu einer Wegbeschreibung ansetze beginnt er das Haus in dem wir leben genauer zu betrachten. Es sei ein schönes Haus, dass er hier noch nie gesehen habe. Ich denke in mich hinein, dass er es schnell wieder vergessen sollte, als mein Mann kommt, ihm den Weg erklärt und wieder nach draußen begleitet. Wir konzentrieren uns erneut auf den Teich und vergessen die Zeit. Um 14 Uhr sind wir uns sicher, dass der Expressservice nicht mehr kommen wird denn er hatte sich zwischen 8 und 12 Uhr angekündigt.

Am Montagmorgen schickt mein Mann mir den Trackingcode, dem ich entnehme, dass unser Paket am Samstag 11,40 Uhr nicht ausgeliefert werden konnte, weil der Empfänger nicht angetroffen wurde. Ich bin überrascht und versuche herauszufinden, wo sich unser Paket befindet. Ich investiere zwei Stunden um nichts über den Verbleib zu erfahren. Die Hotline des Transportunternehmens erklärt mir per Bandaufnahme, dass das Paket keinen Empfänger fand. Ein privater Franchisenehmer des Transportunternehmens in der Nähe lässt mich wissen, dass ich bei ihm völlig falsch sei, die Hotline mich aber auskunftsfreudig und kenntnisreich weiterbringen wird. Meine halbstündigen Klicks auf die Trackingnummer bringen mich nicht weiter, die Aussage: „Paket konnte nicht zugestellt werden!“ bleibt unumstößlich. Ich schreibe dem Transportunternehmen über das angebotene Kontaktformular, dass ich den Verlust unseres Paketes betrauere und sachkundige Hilfe benötige. Gegen Nachmittag bekomme ich tatsächlich eine Antwort auf meine Kontaktaufnahme, mit der Auskunft, dass ich mich an die Firma wenden muss, die die Ware versandt hat. Ich erkenne nun leicht panisch, dass ich meinen Hang zu neurotischem Verhalten längst nicht abgelegt habe und beginne auf meinem Stuhl vor und zurück zu wippen. Ich folge der Empfehlung des Transportunternehmens und rufe die Firma an, bei der wir die Ware bestellt haben. Ich beantworte die Frage der freundlichen Sachbearbeiterin, ob wir denn wirklich alle beide zuhause gewesen seien, wahrheitsgemäß mit ja und frage mich gleichzeitig, warum alle beide? Scheinbar sieht sie mich nicht in der Lage ein Paket in Empfang zu nehmen. Sie informiert mich darüber, dass hier Aussage gegen Aussage stehen könnte. Sie fragt mich, ob denn unser Briefkasten ausreichend gekennzeichnet sei und ich erkläre ihr, dass mein Praxisschild genau darunter hänge. Diese Information reicht ihr nicht, sie gibt zu bedenken, dass wir ein Privatgeschäft getätigt haben und so müsse eben aus der Briefkastenaufschrift erkennbar sein, dass der Auftraggeber hier wohnhaft ist. Ich denke an den unfreundlichen Mitmenschen, der uns jahrelang das Schild mit der Aufschrift Familie Decker vom Briefkasten riss, bis ich es aufgab, ein neues anzubringen. Sie erwähnt, dass das Transportunternehmen im Falle von Expresslieferungen einen Kurier schickt und ich denke an den Fahrer des VW Kombi mit dem Würger am Rückspiegel. Sie sichert mir zu sich mit dem Transportunternehmen zu besprechen und das weitere Vorgehen zu planen. Ich gehe duschen. Während ich dusche ruft sie mich noch zweimal vergeblich an, denn ich kann sie nicht hören. Sie erreicht meinen Mann um ihm mitzuteilen, dass das Transportunternehmen es morgen noch einmal versucht. Es scheint unerheblich, ob morgen irgendjemand Zuhause ist, niemand kann mir sagen wann sie kommen und so sage ich meine ersten beiden Außentermine aus familiären Gründen ab, das klingt einfach glaubwürdiger als auf ein Transportunternehmen zu warten. Eigentlich wollte ich morgen noch den Wocheneinkauf regeln, Hundefutter, Essen für uns u.s.w. aber das verschiebe ich in Gedanken. Ich kann das Hundefutter strecken wenn ich ein paar Kartöffelchen untermische, wird schon.

Dienstagmorgen beschließe ich, mich nicht weiter als Opfer der Willkür eines Transportunternehmens zu fühlen und überlasse nichts mehr dem Zufall. Ich öffne das Tor und laufe strammen Schrittes die 800 Meter bis zu unserem Briefkasten herunter. Links und rechts vom Weg sehe ich die Spuren, die die Wildschweine seit Monaten in die Wiese fräsen, es sieht chaotisch aus. Sollte mir jetzt eins begegnen, versuche ich einfach in die richtige Richtung zu laufen. Unten angekommen beklebe ich den Briefkasten mit der Aufschrift Chris und Marion Decker, um jeden Zweifel unserer Zusammengehörigkeit zu zerstreuen. Ich befestige noch einen Anfahrtsplan für das Transportunternehmen und der Briefkasten ist jetzt so präpariert, dass er wirklich nicht mehr als solcher zu erkennen ist. Wieder oben am Tor angekommen, versäume ich nicht einen Zettel mit der Aufschrift, bitte hupen anzubringen. Ich gehe gelöst ins Haus, wissentlich in der Lage zu sein, mein Leben selbst zu gestalten und siehe da 30 Minuten später hupt jemand und übergibt mir unser Express Paket.

Wir haben noch bei zwei weiteren Firmen Ware bestellt und obwohl mir bewusst ist, dass meine neuen Patienten mich ebenso finden, wie weitere andere Transportunternehmen, neue Postboten und Handwerker, lasse ich die Zettel einfach hängen, für immer.

Frollein Rottenmeier

Spielchen

Wer kennt sie nicht, unsere Mitmenschen, die nicht gerade heraus ansprechen, wie es um ihre Bedürfnisse steht. Die sich nicht trauen, weil sie zu glauben scheinen, dass es ihnen nicht zusteht, sich in den Vordergrund zu drängen. Sich möglicherweise vor den Konsequenzen, wie Zurückweisung fürchten, was sich noch bitterer anfühlt. Die, die dem anderen nicht zu nahe treten wollen und es stattdessen vorziehen unbefriedigt im Hintergrund zu bleiben. Es sind die Menschen, die mir ein Häppchen zuwerfen und mir die Deutungshoheit zuweisen, mit der ich mich manchmal in tagelangen Interpretationsversuchen selbst zermürbe.

Daneben stehen die Menschen, die ihre Bedürfnisse als grobe Masse spüren aber nicht namentlich benennen können. Sie leben mit der Überzeugung stets zu kurz zu kommen und vom anderen benachteiligt zu werden. Sie neigen dazu ihr Überbedürfnis an Aufmerksamkeit und Wertschätzung lauthals in die Welt zu schreien, weil das, was sie bekommen einfach nicht bei ihnen ankommt und sie mit einem Gefühl der Leere, des „Zu kurz kommens“ zurücklässt. Sie lassen den anderen in einem verwirrten Zustand der Entrüstung zurück. Mit beiden Bedürfnisvertretern ist der Umgang schwierig.

Die Bereicherung, sich in sozialen Netzwerken unpersönlich darstellen zu können, wird gerne dazu genutzt ein posting zu teilen, das einen anderen direkt mit seinem emotionalen Fehltritt konfrontiert und den Betroffenen sich schuldig fühlen lässt. Der anschließende Beifall außenstehender Beobachter, kann dem Posting teilenden, das fälschliche Gefühl geben, im Recht zu sein, weil der außenstehenden Gemeinschaft, der echte Sinn verborgen bleibt. Die Zwischenmenschlichkeit bietet allerlei Fallstricke einem anderen etwas mitzuteilen ohne die eigentliche Botschaft zu verraten, die dahintersteckt. Es ist ein hochkompliziertes strategisches Spiel, das uns dazu bewegt zwischen den Zeilen zu lesen, wenn wir die Aufforderung annehmen. Ob wir das Angebot zu einem Spiel, dessen Regeln eigentlich keiner kennt annehmen, ist in erster Linie davon abhängig, wie wichtig uns der Andere ist. Ich kenne verschiedene Varianten von Spielen, die alle keinen Spaß machen.

Du kannst deinem Partner jahrelang aufs Butterbrot schmieren welcher Verfehlungen er sich schuldig gemacht hat und ihm einen Mangel an Verlässlichkeit oder Rückhalt vorwerfen. Damit bleibst du das Opfer des Fehlverhaltens des anderen, das augenscheinlich frei von Schuld, in dieses miese Gefühl der Wertlosigkeit hinein manövriert wurde. Dein Partner wird garantiert bis in alle Ewigkeit in deiner Schuld stehen. Du kannst dich zutiefst verletzt in dein Schneckenhaus zurück ziehen und dich an deinem Gefühl der Minderwertigkeit laben. Du kannst deinen tiefen Kummer so obsessiv ausweiten, dass du dich mit dem anderen vergleichst und ihn als soviel besser begütet siehst als dich selbst, bis du soviel Neid verspürst, dass dein Gefühl deiner eigenen Daseinsberechtigung schwindet. Du kannst das Bisschen, das du ehrlich bereit bist, deinem Partner zu geben, dreifach lauthals zurückfordern, weil du dich einfach wichtiger fühlst und mit weniger nicht zufrieden bist. Du kannst deine narzisstischen Charakterzüge kultivieren und dich mit oberflächlichen Menschen umgeben, die dein wahres ich weder erkennen können noch wollen, das ist ungefährlich und unverbindlich.

All das kannst du weiter ausleben, wenn du deine eigene Verantwortung abgeben möchtest, um dich in der besseren Position zu fühlen. Es ist einfacher, mit dem anderen abzurechnen, als seine ganz eigenen wahren Beweggründe zu verstehen aber wisse, dass dein Verhalten Spuren hinterlässt, die den anderen prägen werden. Ich persönlich liebe Klarheit und bin bereit dafür die Ehrlichkeit des anderen auszuhalten. In der Ehrlichkeit meines Gegenübers öffnet sich mir die Möglichkeit eine Entscheidung zu treffen. Ich kann mich mit dem auseinandersetzen was wirklich ist und mich damit anfreunden, es verstehen und damit Frieden schließen. Saubere Kommunikation ist lernbar, in der aufrichtigen Auseinandersetzung mit dir selbst. Der Weg dahin mag steinig sein, aber auch wichtig und lohnend.

Frollein Rottenmeier

Vollmond

Da liege ich , neben mir der Mann, den ich geheiratet habe. Er hat die Decke zurück geschlagen und liegt auf der Seite, mir zugewandt. Sein Mund ist leicht geöffnet, er atmet leise tief ein und aus. Die helle Haut seines Körpers glänzt geschmeidig im Mondlicht. Er ist schön, wirkt zart, fast zerbrechlich. Ich sehe ihn so wie er ist, so wie sonst niemand ihn sieht. Einer unserer Hunde liegt hinter dem Bett, er atmet sich mühsam in den Schlaf. Der Andere liegt vor dem Bett, lautlos. Sein schwarzes Fell wirkt, als habe ihn jemand dahin gegossen. Unser dritter Hund, der weiße, ist wie immer unten im Hausflur und bellt leise vor sich hin. Ich weiß, dass er träumt und die Erlebnisse des Tages verarbeitet.

Ich reise in meine Welt der Vergangenheit, Gesichter tauchen auf und wieder ab. Ereignisse holen mich ein, die ich nicht erleben wollte, zeigen sich mir noch einmal ganz deutlich. Ich sehe Menschen, die ich lieber nicht getroffen hätte, Ungerechtigkeiten, Verletzungen, fühle mich benutzter als damals, als mir die Erfahrung fehlte.

Ich liege auf dem Rücken und wische mit der Hand über mein Gesicht, so als wolle ich die Dämonen vertreiben. Ich drehe mich nach rechts und sehe wieder den Mann, den ich geheiratet habe, streife mit meinen Augen über seinen Körper und zeichne seine Silhouette nach, er ist vollkommen. In meinem täglichen Leben vergesse ich oft, wie vollkommen er ist.

Wir haben so viel erlebt und erreicht, in den Jahren, die wir gemeinsam durchs Leben ziehen, dass ich es unmöglich aufzählen kann. Er tut alles für mich, keiner meiner Wünsche ist ihm zu groß, so dass er ihn ablehnen würde. Er stellt mich in Frage, wenn es angebracht scheint, ist nachtragend, wenn ich zu streng bin. Große Worte liegen ihm nicht, die Welt da draußen behagt ihm nicht. Seinen Erfolg verdankt er seiner Klugheit, Beharrlichkeit und Besonnenheit. Mein Fels in der Brandung, der, der mich aufrichtet wenn ich am Boden bin. Er zeigt mir seinen stillen Kummer, seinen leisen Ärger, wenn Platzhirsche ihm sein Revier streitig machen, ebenso, wie seine kindliche Freude. Er ist so echt und lebendig, dass ich ihn spüren kann. Ich liege neben ihm und betrachte ihn, atme ihn ein bis ich erfüllt bin und den Mond weiterziehen lassen kann. Ich wünsche mir, dass wir noch viele Vollmonde nebeneinander liegen können und schlafe dankbar ein.

Frollein Rottenmeier

Der youtuber Rezo

Der 26 jährige Influencer, der sich Rezo nennt, veröffentlichte kurz vor der Europawahl ein Video, worin er mit den Volksparteien CDU, SPD und den Rechtspopulisten der AFD abrechnete. Sein Video wurde bis heute 4,8 Mio. mal aufgerufen. Er ist Produzent von Webvideos und geht mit zwei Youtube Kanälen seit 2012 viral, auf denen er hauptsächlich Musik- und Comedyvideos hochläd. Er gehört zum Influenzer Netzwerk Tube one, das zu Ströer Media gehört. Rezo studierte nach eigenen Angaben Informatik und machte 2016 den Master of Science. Seit September 2012 folgen ihm zunehmend Menschen. Er hat bis heute 1,6 Mio. Follower und ist einer der erfolgreichsten Musik Youtuber Deutschlands. Auf seinem 2. Kanal „Rezo ja lol ey“ folgen ihm 670.000 Menschen. Er betreibt eine Firma mit Produktionsleiter, Manager und Fanshop.

„Viele Influencer erreichen auf Plattformen wie Youtube mehr Menschen als Journalisten. Problematisch wird das, wenn sie finanzielle Interessen verfolgen, aber wie authentische Nachbarsjungen von nebenan wirken“. Frankfurter allgemeine Zeitung, Justus Bender und Constantin van Lijnden

Das Wort influence kommt aus dem englischen und bedeutet beeinflussen. Es wird auch Multiplikatoren Marketing genannt. Online Marketing Unternehmen bedienen sich gezielt Meinungsmachern (Influencern) und damit Personen mit Ansehen, Einfluss und Reichweite. Erfolgreiche Beeinflusser verfügen über soziale Autorität und Vertrauenswürdigkeit. Sie zeigen Hingabe, wirken konsistent und engagiert und fachlich kompetent. Sie werden von ihren Followern als Experten angesehen und gelten als vertrauenswürdige Vorbilder, deren Meinungen und Empfehlungen beachtet werden. Dadurch können sie die Wahrnehmung und den Abverkauf von Waren und Dienstleistungen beeinflussen.

Mit einem Foto bei Instagram verdienen z.B. Caroline Daur, Xenia von der Woodsen oder Leonie Hahne von OhhCouture Hunderte, wenn nicht tausende Euro. Sie sind Blogger, Youtuber oder Instagramer, haben sich tausende Follower erarbeitet und eine Reichweite, die Unternehmen für sich entdeckt haben. Im Tausch gegen Werbung und Produktplatzierung auf ihren Kanälen, finanzieren die Firmen den Top-Influencern einen Luxus Lifestyle.

Mir gefällt sein Video! Es ist bis auf etliche Schnitte gut gemacht, einzig sein Rumgefuchtel macht mich nervös und die Information leidet ein wenig, aber das scheint Teil seines Ausdrucks zu sein. Ich sehe einen intelligenten aufgeschlossenen jungen Mann, der eine Meinung hat. Die statistischen Werte, die er liefert mögen nicht immer ganz genau stimmen, weil nicht alle Fakten einbezogen wurden, aber im großen und ganzen hat er Tatsachen angesprochen, die nicht von der Hand zu weisen sind. Zuerst dachte ich, schon wieder so ein Zeitgenosse geboren aus unserer neueren Empörungsgesellschaft, aber dann bekam auch ich mit, dass er sich Gedanken über Lösungsansätze gemacht hatte und ansprach.

Es scheint tatsächlich schwierig für die großen Volksparteien realistisch und glaubhaft Stellung zu nehmen. Die parlamentarische Demokratie im digitalen Zeitalter läuft langsamer oder besser, hat eine andere Zeitrechnung. So sehen wir auf der einen Seite den staatstragenden Apparat, der alle Kritik diskreditiert, verschleppt, verhöhnt, verschweigt und aussitzt. Auf der anderen Seite scheinbar einen einzelnen.

Ich gönne Rezo den Traffic, den Zugewinn seiner Reichweite quasi über Nacht. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und seine Idee war gut. Gleichwohl macht mir etwas daran Sorge und beschäftigt mich. Es ist das Problem der Meinungsmache, der Beeinflussung aus der viralen Welt, dort wo sich eine Idee ausbreiten kann wie eine Krankheit. Wenn charismatische junge Menschen gegen entsprechendes Entgeld benutzt werden können, Dienstleistungen, Waren oder Meinungen dort hin zu transportieren, wo genug gutgläubige Menschen sitzen, dann möchte ich auf eine nicht zu unterschätzende Gefahr hinweisen.

Frollein Rottenmeier